15.100 Punkte geknackt: DAX-Rally: Ist das erst der Anfang?




Analyse

Stand: 13.01.2023 13:04 Uhr

Der DAX ist furios in das neue Börsenjahr gestartet. Sind die Anleger zu optimistisch oder kann es noch weiter bergauf gehen? Was jetzt für und was gegen steigende Kurse spricht.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Anleger haben bei deutschen Aktien in den ersten beiden Wochen des Jahres zugegriffen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der Leitindex DAX verbuchte seit seinem Handelsschluss am 30. Dezember bei 13.924 Punkten ein Kursplus von 8,6 Prozent in der Spitze. Gestern krönte der DAX seine Jahresanfangsrally und nahm die Hürde von 15.000 Punkten mit scheinbarer Leichtigkeit. Zum Wochenschluss fällt auch noch die nächste runde Marke von 15.100 Zählern.

Ein Grund für die starken Kursgewinne sind die nachlassenden Inflationsängste und damit die sinkende Furcht der Anleger vor weiteren deutlichen Zinserhöhungen. Investoren setzen darauf, dass die US-Notenbank Fed im neuen Börsenjahr ihr Tempo bei Zinserhöhungen drosseln wird.

Anleger setzen auf US-Zinssenkungen im zweiten Halbjahr

Dem Fed Watch Tool der CME Group zufolge rechnet aktuell die Mehrheit der Marktteilnehmer nur noch mit zwei kleinen Zinsschritten der US-Währungshüter im Februar und März. Dann dürfte die Fed ihren Zinserhöhungszyklus bereits beendet haben.

Nach den jüngsten Inflationsdaten aus den USA „dürfte sich der Markt in seiner Sicht bestätigt sehen, dass die US-Notenbank aufgrund des nachlassenden Preisdrucks in der zweiten Jahreshälfte Spielraum für Zinssenkungen haben wird“, betont Commerzbank-Devisenanalystin You-Na Park-Heger.

Sinkender Gaspreis dämpft Inflation

Es scheint somit, als ob der Markt das Inflations- und Zinsthema, das in den vergangenen Monaten die Kurse drückte, bereits abgehakt hat. Das birgt jedoch auch ein großes Enttäuschungspotenzial: Sollten die Inflationsraten im Jahresverlauf erneut anziehen oder nicht so stark fallen wie erwartet, würde das den Aktienmärkten einen herben Schlag verpassen.

Doch danach sieht es aktuell nicht aus. Hierzulande machen vor allem die prall gefüllten Gasspeicher, das milde Winterwetter und der daraus resultierende stark gesunkene Gaspreis Hoffnung, dass die Verbraucherpreise weiter fallen dürften.

Wird die EZB wieder taubenhafter?

Vor diesem Hintergrund erscheine der Zinserhöhungspfad der Europäischen Zentralbank (EZB) viel zu steil, gibt Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest zu bedenken. Ein Blick auf den Futures-Markt zeigt, dass Anleger derzeit noch bis weit in den Spätsommer/Herbst hinein mit weiteren Zinserhöhungen der EZB rechnen. Dazu dürfte es nicht kommen, vermutet Rethfeld. Haben also die Tauben – gemeint sind damit die Verfechter einer lockereren Geldpolitik und niedriger Zinssätze – bald wieder Aufwind im EZB-Rat?

Schlimmstenfalls milde Rezession in Deutschland

Sinkende Inflationsraten und eine womöglich weniger restriktive Geldpolitik der EZB auf der einen und sich entspannende Lieferketten sowie volle Auftragsbücher der Unternehmen auf der anderen Seite: Das sind in jedem Falle die essenziellen Zutaten für eine nachhaltige Kurserholung am deutschen Aktienmarkt.

Zuletzt hatten sich die Zeichen gemehrt, dass die deutsche Wirtschaft mit einem blauen Auge davonkommen dürfte. Ökonomen zufolge wird sie allenfalls in eine milde Rezession fallen. Laut einer Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat sich die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in Deutschland deutlich verringert und beträgt nur noch 29 Prozent, nach 52,5 Prozent Anfang Dezember.

Anleger von Euphorie weit entfernt

Dennoch wirft ein solch starkes Kursplus wie das im DAX zu Jahresbeginn die Frage auf, ob der Markt zumindest kurzfristig erst einmal heiß gelaufen ist: Müssen sich Anleger nun auf Gewinnmitnahmen oder gar eine Korrektur einstellen, bevor es weiter bergauf gehen kann?

Hoffnung macht in diesem Kontext ein Blick auf das Sentiment, also die Stimmung der Anleger. Vor allem Privatinvestoren sind laut den neuesten Umfragen, etwa der American Association of Individual Investors, von Euphorie weit entfernt. „Es könnte also wieder so sein, dass die Mehrheit der Anleger auf eine Korrektur wartet, sie aber gerade deshalb nicht kommt“, erklärt Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege von RoboMarkets.

US-Berichtssaison rückt in den Fokus

Ob der DAX noch weiteres Aufwärtspotenzial hat, hängt nun auch von der heute startenden US-Berichtssaison ab. Damit findet eine Rückbesinnung auf die Fundamentaldaten der Unternehmen statt. Vor allem bei den zuletzt arg gebeutelten Tech-Unternehmen dürften die Anleger ganz genau hinsehen. Die US-Berichtssaison habe das Potenzial, über die Börsenrichtung der kommenden Wochen zu entscheiden, erklärt Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners.

Risikofaktor Ukraine-Krieg

Ein großer Risikofaktor für die weitere Kursentwicklung bleibt indes der Ukraine-Krieg: „Sollte es zu ersten Panzerlieferungen des Typs Leopard aus Deutschland kommen, könnte dies von Putin als zu große Einmischung des Westens in die Auseinandersetzung gesehen werden“, warnt Kapitalmarktstratege Molnar.

„Sollte Russlands Antwort dann in einem Einsatz von inhumanen Waffen oder in der Beteiligung verbündeter Staaten wie Belarus liegen, wäre der Krieg auch an der Börse wieder ganz schnell Tagesordnungspunkt Nummer Eins“, so der Experte.

Grünes Licht für das Börsenjahr 2023?

Hinsichtlich der weiteren Chancen und Risiken für den DAX ist nicht zuletzt auch ein Blick auf die Statistik spannend. Denn der starke Jahresauftakt im Index – 4,9 Prozent Kursplus an den ersten fünf Handelstagen – hat womöglich Folgen für das gesamte Börsenjahr.

Eine alte Börsenregel besagt: Wie die ersten fünf Handelstage verlaufen, so entwickelt sich sehr wahrscheinlich das gesamte Börsenjahr. Der so genannte Fünf-Tage-Indikator (FTI) wurde bereits vor fast 50 Jahren vom US-Börsenforscher Yale Hirsch entwickelt. Mit Blick auf den DAX hat der FTI eine äußerst passable Trefferquote von fast 69 Prozent.



Heinz Duthel

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