Bergtourismus im Klimawandel: Schnee von gestern


Stand: 15.01.2023 09:55 Uhr

Deutsche Wintersportorte müssen der Realität ins Auge blicken: Immer öfter bleibt der Schnee aus. Der Tourismus in den Bergen soll trotzdem weitergehen – aber in Grün.

Von Sebastian Nachbar, BR

Von einer „Tiefdruckautobahn“ spricht man beim Deutschen Wetterdienst in diesen Januartagen. Wechselhaftes Wetter mit viel Feuchtigkeit in der Atmosphäre. Eigentlich genau das, was sich Liftbetreiber und Wintersport-Fans gerade wünschen.

Wenn nur dieses Problem mit der Schneefallgrenze nicht wäre. Die lag rund um Jahreswechsel bei jenseits der 3000 Meter. Klingt extrem, dürfte sich aber in Zukunft häufen.

„Die Schneefallgrenze hat sich in den letzten 100 Jahren etwa um 400 Meter nach oben verschoben“, sagt Reto Knutti von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. „Und selbst im besten Fall, mit Klimaschutz, werden wir etwa bis zum Jahr 2050 weitere 400 Meter erwarten.“ Eigentlich ist Knuttis Analyse eine klare Ansage an die Destinationen in der Skiindustrie: In tieferen Lagen wird Skitourismus langfristig kaum mehr möglich sein. Nicht einmal mit Kunstschnee.

Die Zukunft nach dem Schnee

Und während sich jetzt viele wundern über die Bilder von weißen Kunstschnee-Pisten auf braunen Wiesen, arbeiten manche bereits an der Zukunft nach dem Schnee. Einer von ihnen ist Josef Loferer, Bürgermeister von Schleching in den Chiemgauer Alpen. Das 1800-Einwohner-Dorf liegt eingebettet zwischen den umliegenden Bergen mit intakter Natur und hoher Artenvielfalt.

„Schleching hat sich schon lange vom intensiven Skitourismus verabschiedet. Wir machen einen sanften Skitourismus, nur mit Naturschnee.“ Das werde wunderbar angenommen, sagt Loferer. Das heißt: Der örtliche Schlepplift läuft, wenn es die natürliche Schneelage zulässt. Ansonsten steht er still.

Vom intensiven Ski-Tourismus hat sich Schleching längst verabschiedet.

Bild: Richard Scheuerecker

Sanfter Tourismus statt Après-Ski-Zirkus

Schleching ist ein Beispiel dafür, wie sich alpine Ferienorte auf den Klimawandel einstellen. Die Gemeinde zählt gemeinsam mit dem Nachbarort Sachrang zu den sogenannten Bergsteigerdörfern – Orte, die sich bewusst einem ressourcenarmen und nachhaltigen Tourismus verschrieben haben.

Hinter dem Titel „Bergsteigerdorf“ steckt ein länderübergreifendes Prädikat, das von den jeweiligen Alpenvereinen verliehen wird. Die Kriterien sind streng: Große Liftanlagen, Hotelburgen oder Après-Ski-Zirkus sind tabu. Stattdessen wollen die Destinationen ihren Gästen eine naturnahe Alternative bieten, gerade bei wenig Schnee. Erstes „Bergsteigerdorf“ Deutschlands wurde im Jahr 2015 der Ort Ramsau bei Berchtesgaden, Schleching und Sachrang folgten im Jahr 2017, Kreuth im Tegernseer Tal im Jahr 2018. Alpenweit gibt es derzeit 35 „Bergsteigerdörfer“.

Die Zukunft sehen viele im Wandern. Schleching ist bereits ein „Bergsteigerdorf“.

Bild: Richard Scheuerecker

Die Grundhaltung der „Bergsteigerdörfer“ bewährt sich genau jetzt im Klimawandel, sagt Axel Döring, Präsident der Alpenschutzkommission Cipra in Deutschland: „Sie stehen deswegen besser da, weil sie die Natur so nehmen und nutzen, wie sie ist und nicht versuchen, mit teuren und energieintensiven Strukturen die Natur zu überlisten. Dieses Überlisten der Natur im Wintersport funktioniert immer weniger.“

Deutsche Skigebiete spielen untergeordnete Rolle

Für Schleching funktioniert das Label „Bergsteigerdorf“. Schleching verzeichnet mit den Nachbarorten im Achental im abgelaufenen Jahr 15 Prozent mehr Übernachtungen als 2019, der letzten Saison vor Corona. Der schrumpfende Winter wird durch den wachsenden Sommer mehr als ausgeglichen, erklärt Bürgermeister Loferer.

Konzepte wie die der „Bergsteigerdörfer“ bleiben ein kleinräumiges Urlaubsphänomen, gesamtgesellschaftlich gilt: Die Deutschen fahren weiter Ski. 14,6 Millionen Menschen sind es hierzulande laut Statistischem Bundesamt, damit ist Deutschland nach den USA die zweitgrößte Skifahrer-Nation weltweit.

Ihren Winterurlaub verbringen sie längst nicht mehr im eigenen Land. „Hauptsächlich fahren die Deutschen nach Österreich und Südtirol. Deutsche Skigebiete spielen eine untergeordnete Rolle“, sagt Oliver Kern vom Test- und Vergleichsportal skiresort.de. Während die Zugriffszahlen auf seine Seite seit Jahren steigen, sinkt die Anzahl der aktuell rund 1350 Pistenkilometer in Deutschland immer weiter. Zum Vergleich: Allein in Frankreich gibt es mehr als 10.000 Pistenkilometer.

Das Pistenangebot in Deutschland schrumpft

Während manche Skigebiete hierzulande trotz klarer Aussagen der Klimaforschung noch auf Schneekanonen setzen, haben viele traditionelle Seilbahnbetriebe den teuren Unterhalt für Skipisten längst aufgegeben. Die Karwendelbahn, die zweithöchste Seilbahn Deutschlands, stoppte ihren Pistenbetrieb bereits in den 1990er-Jahren.

Seither wird die Abfahrt durch das steile Dammkar als sogenannte Skiroute betrieben, das heißt: Wer hier abfährt, bewegt sich nicht im gesicherten, sondern im freien Skiraum ohne durchgängige Markierungen, Sicherungsmaßnahmen oder Pistenpräparation. Lediglich die Absicherung vor Lawinen wird durch eine örtliche Kommission übernommen.

Auch andere Destinationen versuchen es mit Skirouten fürs Freeride-Publikum – etwa am Hochgrat bei Oberstaufen, am Tegelberg in Schwangau, am Laber in Oberammergau oder am Wallberg in Rottach-Egern. Statt auf den großen Ansturm von Skigästen setzt man auf ressourcenarme Aktivitäten wie Wandern, Rodeln, oder Gleitschirmfliegen.

„Erholung im Schnee fernab von Massentourismus und Skizirkus“ verspricht etwa die Website der denkmalgeschützten Predigtstuhlbahn in Bad Reichenhall. Die allerdings nur deshalb noch fährt, weil vor Jahren ein großer Bauunternehmer die fast 100 Jahre alte Anlage kaufte – und damit rettete.

Schneekanonen in Bayern weiter subventioniert

Dort wo der alpine Skibetrieb weiterläuft, kommt er nicht mehr ohne Kunstschnee aus. „Im Augenblick ist Beschneiung eine Art Übergangstechnologie“, sagt Tourismusforscher Jürgen Schmude von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ein Ansatz könne sein, mit Schneekanonen auf Zeit den Wandel des touristischen Angebots vor Ort abzufedern. „Auf längere Sicht macht eine Förderung von Beschneiung überhaupt keinen Sinn“, meint Schmude.

Trotzdem macht die Politik in Bayern seit Jahren Steuergelder locker und fördert den Bau von Seilbahnen mit bis zu 35 Prozent der Kosten – auch Schneekanonen und neue Parkplätze. Gerade letzteres wurde erst im Dezember von der Opposition im bayerischen Landtag kritisiert, dann aber von der Regierungskoalition aus CSU und Freien Wählern erneut verlängert. Rund 92 Millionen Euro an öffentlichen Geldern hat die Subvention bislang gekostet.

Am Berg ist es derweil weiterhin zu warm für die Jahreszeit. Der schöne Niederschlag, den sich so viele als Schnee wünschen, er fällt zu oft als Regen. Die Folge: Draußen ist es nicht weiß, sondern braun. Die Berge in Deutschland, sie sind zu klein geworden für Wintersport mit Schneesicherheit.



Heinz Duthel

Schreibe einen Kommentar