Debatte über die Zukunft der Raumfahrt: Sorge vor Wildwest im Weltraum


Bei Debatten über Raumfahrt ginge es zumeist um Technologien und Finanzen, heißt es in der Ankündigung zu einer Workshop-Reihe der Darmstädter Schader-Stiftung. Politische, philosophische und gesellschaftliche Dimensionen würden hingegen weithin verkannt. Mit insgesamt drei Diskussionsrunden will die Stiftung, deren erklärter Zweck die Förderung der Gesellschaftswissenschaften ist, dieser Schieflage entgegenwirken. Die Auftaktveranstaltung am Montag zog zunächst einmal eine ernüchternde Bilanz.

Das neue Weltraumzeitalter – Das All zwischen Übernutzung und Unterbewertung, so lautet der Titel der Workshop-Reihe, die sich in ihrer ersten Folge dem Verhältnis von Kooperation und Konkurrenz bei der Erschließung des Weltraums widmete. Insbesondere die Internationale Raumstation ISS stelle ein „überragendes Beispiel für internationale Kooperation im All“ dar, schreiben die Veranstalter und fragen: „Kann der besondere Geist der Kooperation im Weltraum angesichts einer sich verschärfenden Weltlage erhalten werden?“

Mit einem klaren „Ja“ oder „Nein“ mochte niemand der ungefähr dreißig Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Frage beantworten. Doch überwiegend herrschte Skepsis vor. Von einer drohenden Anarchie im All war die Rede, insbesondere der erdnahe Weltraum wurde mit dem „Wilden Westen“ verglichen. Beispiele dafür sind Satellitenstarts, die ohne behördliche Genehmigung erfolgten, oder die Bereitstellung privater Kommunikationssatelliten für die Ukraine durch Elon Musks Firma SpaceX. Dabei sei das Gebiet der Krim blockiert und damit die Annexion der Halbinsel durch Russland quasi anerkannt worden – möglicherweise auf Druck Russlands, das ansonsten mit gezielten Angriffen auf das Satellitennetzwerk gedroht haben soll.

Neben der Ausweitung militärischer Konflikte ins All droht aber auch allein durch den Wildwuchs der rein wirtschaftlichen Nutzung eine zunehmende Vermüllung des erdnahen Weltraums, die eben diese Nutzung zukünftig mehr und mehr erschweren oder sogar unmöglich machen kann. Bislang ist es nicht gelungen, international verbindliche Regelungen zu etablieren, die dem entgegenwirken könnten. Die Workshop-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen waren sich weitgehend einig in der Benennung des Problems, eine überzeugende Lösung hatte jedoch niemand parat.

„Es muss wohl erst noch schlimmer werden, bevor es besser wird“, sagte eine Teilnehmerin und brachte damit die von den Workshop-Organisatoren Stefan Selke (Hochschule Furtwangen) und Daniel Lambach (Goethe-Universität Frankfurt am Main) abschließend diagnostizierte „grundpessimistische Haltung“ auf den Punkt. Angesichts der sich abzeichnenden Polarisierung zwischen den USA und China, wurden die Chancen, einen gerechten und für alle offenen Zugang zum Weltraum zu gewährleisten und das All als Commons, also eine Art Gemeineigentum der Menschheit, zu etablieren, als gering eingestuft.

Der Wilde Westen sei an sein Ende gekommen, sagte ein Workshop-Teilnehmer, nachdem der Boden restlos aufgeteilt war. Allerdings habe sich die Qualität des Bodens seitdem auch deutlich verschlechtert. Die zuvor von den weißen Eroberern vertriebenen indigenen Völker hätten ein klareres Verständnis für die Bedeutung der gemeinschaftlich genutzten Commons. Diesen Erfahrungsschatz gelte es bei der Erschließung des Weltraums zu nutzen. Womit er unterstrich, dass die internationale Kooperation bei der Raumfahrt sich nicht auf die technologisch hoch entwickelten Nationen beschränken darf – was die Angelegenheit nicht einfacher macht.

Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Der nächste Workshop soll sich im März mit der Nutzung von Weltraumressourcen beschäftigen, bevor es im Oktober zum Abschluss dann um Utopien und die Möglichkeiten eines zivilisatorischen Neubeginns im All gehen wird.


(mho)

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Heinz Duthel

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