Finanz-Analyse: Warum Musks Twitter-Kauf so ein Desaster ist


Twitter hat im vierten Quartal 2022 immer noch eine Milliarde Dollar Umsatz gemacht, berichtet The Information unter Berufung auf Eingeweihte. Angesichts der Zerstörungskraft, mit der Elon Musk seinem Sozialen Netzwerk zu Leibe rückt, eine beachtliche Stange Geld. Allerdings ist das gut ein Drittel weniger Umsatz als im vierten Quartal des Vorjahres. Damals hat Twitter seinen Umsatzrekord von 1,57 Milliarden Dollar in drei Monaten aufgestellt.




(Bild: 

Daniel AJ Sokolov

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Daniel AJ Sokolov schreibt seit 2002 für heise online, anfangs aus Wien. Seit 2012 versucht er als Nordamerika-Korrespondent von heise online, Kanadier und US-Amerikaner zu verstehen und ihr Wesen begreiflich zu machen.

Davon ist jetzt keine Rede mehr. Der aktuelle Tagesumsatz liegt laut der Quelle 40 Prozent unter dem Vorjahresergebnis. Mehr als 500 der wichtigsten Werbekunden haben ihre Anzeigen auf Twitter zumindest vorerst eingestellt, nachdem Elon Musk Twitter übernommen hat. Was die großen Autohersteller angeht, musste Musk das vorhersehen: Die Konzerne haben keine große Lust, dem Mehrheitseigentümer der laut Börsenspekulationbewertung wertvollsten Autofirma Tesla, eigenes Geld zuzuschieben, solange sie anderswo vergleichbare Werbeeffekte zu ähnlichen Preisen erzielen können.

Was die übrigen pausierenden Werbekunden anbelangt, ist ihr Rückzug das Ergebnis von Musks Entscheidungen. Die für Sicherheit auf der Plattform Zuständigen hat er gefeuert, das Beratungsgremium abgeschafft, dafür ein neues in Aussicht gestellt, dann aber zugegeben, dass diese Zusage eine Lüge war.

Kann man als privater Eigentümer machen. Aber nicht, wenn man Werbeumsätze ankurbeln möchte. Die stehen auf Disney-artige Wohlfühlumgebungen; ihr Babymilchpulver oder ihre Kreuzfahrt neben Gewaltaufrufen oder Verschwörungserzählungen angepriesen zu sehen, lässt sie selten nach dem Geldbeutel greifen.

Wäre Twitter bloß eine Spielwiese für ein paar Superreiche wie Elon Musk und Co-Investoren wie Larry Ellison und al-Walid ibn Talal Al Saud, täte das – finanziell – nichts zur Sache. Allerdings haben die Herren nur einen Teil des gewaltigen Übernahmepreises von 44 Milliarden US-Dollar (zuzüglich ein paar Milliarden Spesen) selbst finanziert. Mindestens 13 Milliarden Dollar kommen aus Krediten – und diese Kredite haben nicht die neuen Eigentümer aufgenommen, sondern Twitter, Inc., selbst.

Klingt so, als würde sich die Firma an den eigenen Schnürsenkeln aus dem Morast ziehen, ist in der Welt der Finanzen aber gar nicht unüblich. Natürlich bedeutet dies, dass die Firma fortan diesen Schuldenberg bedienen muss. Im Falle Twitters führt das laut Financial Times zu Zinsen von etwa 1,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr (oder mehr, wenn das Zinsniveau weiter steigt, was allgemein erwartet wird). Tilgungsraten sind darin nicht enthalten.

Das Problem: Twitter kann sich das nicht leisten. Twitter hätte sich das auch vor dem Umsatzeinbruch nicht leisten können. „Ja“, ist immer wieder zu hören, „Aber Twitter hat schon vor Musk Verluste gemacht. 221 Millionen Dollar im Jahr 2021!“ Twitter sei also sowieso dem finanziellen Untergang geweiht gewesen, meinen insbesondere Musk-Fans. Sollte ihr Idol den Vogel vielleicht doch nicht retten können, habe er seinen Abgesang höchstens beschleunigt, aber wenigstens versucht, ihn zu retten.

Es sind fundamentale Missverständnisse anerkannter Buchhaltungsprinzipien, die zu solchen Ansichten verführen. Obwohl es zutrifft, dass Twitter für 2021 rund 221 Millionen Dollar Nettoverlust ausgewiesen hat, stimmt das nur auf dem Papier; es bedeutet keineswegs, dass Twitter 221 Millionen Dollar mehr ausgegeben als eingenommen hat. Für den mittelfristigen Fortbestand des Unternehmens ist der Nettoverlust relativ unwichtig.

Um Zinsen und andere Ausgaben bestreiten zu können, braucht man Geld. Man muss „liquide“ sein. Gemessen wird die Liquidität am Cash Flow. Dabei werden – vereinfacht gesagt – Ausgaben von den Einnahmen abgezogen. Einnahmen können aus dem eigentlichen Betrieb stammen, aus „Investitionen“ (Zinsen aus gekauften Anleihen, Spekulation mit Wertpapieren, etc.) sowie aus Krediten. Betrachtet man nur die Einnahmen aus dem Betrieb, nennt man das auf gut Denglish Operating Cash Flow.

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Heinz Duthel

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