Folgen der Energiekrise: Wenn Energie fürs Recyceln zu teuer ist


Stand: 25.01.2023 08:25 Uhr

Recycling schont Umwelt und Ressourcen. Doch mit den extrem gestiegenen Energiekosten lohnt es sich oft kaum noch. Und auch der Energiepreisdeckel der Bundesregierung kann nicht alles abfedern. Ein Ortsbesuch.

Auf dem Firmenhof der Recyclingfirma TKM in Landau liegt ein Berg aus bunten Aluminium-Kronkorken. Er ist mehr als zwei Meter hoch. „Den hat hier gerade ein Lkw abgeladen. Die Kronkorken werden bei der Gärung von Champagner benötigt. Danach landen sie zur Wiederaufbereitung bei uns“, sagt Reinhold Löhr. Der Geschäftsführer geht quer über den Hof und zeigt auf Reste aus Flaschenverschlüssen aus Aluminium und Kunststoff. „Insgesamt werden bei uns pro Monat mindestens 360 Tonnen Material angeliefert und dann von uns wieder aufbereitet.“  

Axel John

Ein Gebläse zieht die letzten Verschlüsse in Silos, wo zunächst Aluminium- und Kunststoffteile voneinander getrennt werden. Über Rohre wird das Leichtmetall dann in eine große Halle geblasen. Dort wird das Alu in mehreren Anlagen gesiebt, gereinigt und schließlich in unterschiedliche Größen zermahlen. Am Ende wird das Alu-Granulat in riesigen Säcken von 1,2 Tonnen abgewogen und kann dann wiederverwertet werden. „Die Energiebilanz ist mit unserem Verfahren eindeutig: Im Vergleich zur Herstellung von neuem Alu werden so rund 95 Prozent Energie eingespart“, bilanziert Löhr.  

„Nur spekulieren, nicht kalkulieren“

In Zeiten, in denen der Umweltschutz immer weiter an Bedeutung gewinnt, müsste daher das Betriebsklima bei TKM mit seinen 15 Mitarbeitern eigentlich bestens sein. Das ist es aber nicht. Der Grund: Die sehr hohen Energiepreise in Deutschland machen Recyceln immer unrentabler. „Bis Ende vergangenen Jahres hatten wir einen Strompreis von gut 12 Cent pro Kilowattstunde mit einem langfristigen Vertrag“, sagt Löhr.  

Ein neuer Vertrag mit festen Preisen sei aber bei großen Strommengen zu einem für die Firma akzeptablen Preis nicht mehr zu bekommen. Den Anbietern sei das Risiko bei der Entwicklung an den Energiemärkten zu groß. „Wir müssen jetzt am Spotmarkt kaufen, wo sich der Preis alle 15 Minuten ändert. Unseren aktuellen Strompreis kenne ich im Detail gar nicht. Der ändert sich ja ständig“, erzählt der ratlose Geschäftsführer. „Über unsere Ausgaben kann ich also nur spekulieren, aber nicht mehr kalkulieren.“

Ende Januar könne der Stromanbieter eine erste Zahl für den Monat nennen. Löhr zückt Kugelschreiber und Zettel und rechnet vor: „Die Tonne Aluminium hat bislang bei uns rund 39 Euro an Strom gekostet.“ Nach ersten Schätzungen komme er nun auf rund 58 Euro zusätzliche Kosten. „Aber das ist nur eine Schätzung.“

Energiepreisdeckel hilft zu wenig

Die Bundesregierung hat Betrieben mit dem Energiepreisdeckel finanziellen Ausgleich versprochen. Hilft das nicht? Löhr schüttelt mit dem Kopf: „Der Deckel hat als Berechnungsbasis das Jahr 2021. Damals hatten wir – wie auch die gesamte Industrie – wegen der Corona-Lockdowns aber eine deutlich geringere Produktion. Der Referenzwert ist falsch“, sagt Löhr.

Zudem seien die Ausführungsbestimmungen des Gesetzes aus seiner Sicht widersprüchlich und unklar. „Mir flattern jetzt schon Angebote über Schulungsseminare ins Haus, wie das Gesetz auf den jeweiligen Betrieb angewendet werden kann. Wir sind mit unseren Sorgen also nicht alleine.“

Löhr und seine Kollegen treibt aber eine grundsätzliche Sorge um: Die seit Jahren kontinuierlich steigenden Energiepreise, die auch seiner Firma immer weiter zusetzten. „Deutschland ist ein ressourcenarmes Land. Wir sollten wertvolle Materialien doch im eigenen Land behalten.“ Stattdessen gehe etwa Eisen oder Stahl bereits zur Wiederaufarbeitung in Länder außerhalb der EU und komme dann als Baustahl wieder zurück. „Das Recyceln lohnt sich dafür hierzulande immer weniger.“ 

„Wirtschaftlich kaum noch darstellbar“

„Ich würde mir wünschen, dass das ein Einzelfall ist. Das ist es aber leider nicht“, sagt Sebastian Will, als er von den Problemen von TKM in Landau hört. Will ist stellvertretender Präsident des Bundesverbandes Sekundärstoffe und Entsorgung. In seinem Büro in Bonn melden sich derzeit viele Unternehmen und klagen über die hohen Preise. „Die gesamte Branche treiben Kostensteigerungen um. Der Energiebereich ragt dabei heraus. Beim Strom haben wir ein Plus von bis zu 230 Prozent.“

Wie TKM hätten viele mittelständische Firmen in den vergangenen Jahren investiert, um Ausgaben zu drücken und Produktivität zu erhöhen. „Ein Beispiel sind etwa Photovoltaik-Anlagen. Das kann diese Energiekosten aber nur dämpfen. Wirtschaftlich ist das kaum noch darstellbar“, sagt Will.   

Recycling schont Umwelt und Ressourcen – doch mit den hohen Energiekosten lohnt es sich teilweise kaum noch.

Bild: Axel John/SWR

Verband beklagt Bürokratie

Sorgen macht dem Verband auch die zunehmende Bürokratie. Gerade mittelständische Unternehmen seien zunehmend überfordert. „Gesetze und Regulierungen vor allem von der Europäischen Union nehmen Überhand.“ Großunternehmen hätten dafür Fachabteilungen. „Kleine Betriebe können das nicht mehr finanzieren“, beklagt Will.

„Dabei müssten doch grüne Technologien und damit verbundene Unternehmen angesichts der umweltpolitischen Herausforderungen unterstützt werden“, so Will. „Aber für die Kleinen wird es immer schwieriger.“  

  

Unsichere Zukunftsaussichten 

In Landau geht Geschäftsführer Löhr durch die Produktionshalle und schaut auf die ratternden Anlagen. „Es gibt den Betrieb jetzt seit 29 Jahren. Wir haben unsere Energieeffizienz und Produktivität ständig gesteigert. Aber diese massiven Mehrkosten können wir nicht auffangen.“

Neben den hohen Energiekosten erschwere die Bürokratie das unternehmerische Handeln. „Wir wollen seit längerem noch eine weitere Photovoltaikanlage zubauen. Das scheitert bislang aber an Verwaltungsvorschriften.“ Vor gut einem Jahr habe er sich damit sogar an das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin gewandt. „Im Mai sollen wir eine Antwort bekommen“, erzählt Löhr.  

Und wie sind die Aussichten? „Auf den internationalen Märkten sind wir aktuell nicht wettbewerbsfähig.“ Die Lieferanten kämen ihm zwar beim Preis entgegen. „Aber bei den Endkunden beißen wir derzeit noch auf Granit. Wir fahren jetzt auf Sicht und schauen dann, wie es weitergeht.“



Heinz Duthel

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