Greenwashing: Wie sich die Wirtschaft klimaneutral rechnet


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Der elektrische Porsche „Taycan Cross Turismo“ wirkt auf den ersten Blick nicht besonders klimafreundlich: Er ist 1,96 Meter breit und 4,97 Meter lang – damit ist er sechs Zentimeter breiter und sieben Zentimeter länger als ein aktueller VW-Transporter. Er wiegt leer 2,3 Tonnen – etwa so viel wie ein männliches Breitmaulnashorn.

Ein Taycan Cross Turismo soll vieles sein: Ein Sportwagen mit 476 PS. Ein Familienauto mit 446-Liter-Kofferraum und fünf Türen. Ein Geländewagen mit Allradantrieb. Ein Elektroauto. Porsche wirbt damit, dass der „Cross Turismo“ bilanziell „CO2-neutral“ sei. Seit März 2021 gibt es ihn zu kaufen. Das Jahr, in dem an der amerikanischen Westküste über 50 Grad Celsius gemessen werden; in dem die Wälder des Amazonas – früher als „die grüne Lunge des Planeten“ bekannt – erstmals mehr CO2 abgeben als sie aufnehmen; in dem bei Fluten in Westdeutschland über 170 Menschen sterben. Er ist „der neue Porsche“ in dem Sommer, in dem die Klimakatastrophe in der deutschen Öffentlichkeit ankommt.

Er nährt die Hoffnung der Verbraucher, dass beides geht: In 5,1 Sekunden von 0 auf 100 beschleunigen und dabei in Zeiten der Waldbrände und Flutkatastrophen kein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Er nährt aber auch die Hoffnung der Industrie: Dass man eigentlich so weitermachen kann wie bisher, nur mit dem Label „klimaneutral“. Wir können auch „klimaneutral“ mit Easyjet von Berlin nach Fuerteventura fliegen. Bei Aldi-Süd gibt es „klimaneutrale“ Milch. „Hofer“ in Österreich verkauft „klimaneutrales“ Rindfleisch. Man kann es sogar auf „klimaneutraler“ Kohle grillen.




Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 7/2021 der MIT Technology Review. Das Heft ist im heise shop erhältlich.
Highlights aus dem Klima-Heft:

Hinter dieser ganzen Klimaneutralität steht ein bei Unternehmen zunehmend beliebtes Konzept: Carbon-Offsetting. Wie bei allen anderen Produkten auch entsteht CO2 bei der Produktion oder dem Verbrauch eines Produkts in einem reichen Land wie Deutschland, England oder den USA. Unternehmen wie Porsche, Easyjet, Aldi-Süd oder Hofer zahlen dann eine bestimmte Summe an Umweltprojekte in ärmeren Ländern, die CO2 einsparen sollen. Eine Tonne CO2 wird hier ausgestoßen, Geld wird überwiesen, eine Tonne wird woanders eingespart.

Offsetting wird schon seit 15 Jahren scharf kritisiert. Die Argumente von Gegnern wie dem Umwelt-Aktivisten und Guardian-Kolumnisten Georg Monbiot sind, dass das CO2 erstens dennoch entsteht, auch wenn ein Produkt das Label klimaneutral trägt. Zweitens produzieren reiche Länder in Europa, den USA, Kanada und China weitaus mehr CO2, als man rein rechnerisch im Globalen Süden überhaupt einsparen kann. Und drittens ist nur bei wenigen Kompensationsprojekten überhaupt klar, wie viel CO2 sie tatsächlich einsparen. 2006 prägte Monbiot das Bild vom Klima-Ablasshandel. „In dem sie uns ein reines Gewissen verkaufen, untergraben die Offsetting-Unternehmen den notwendigen politischen Kampf, um Klimawandel zu Hause anzugehen“, so Monbiot.

Die Kritik wird aktuell durch die Recherchen der Wochenzeitung ZEIT und der britischen Tageszeitung Guardian gestützt. Redakteurinnen und Redakteure haben das Thema CO2-Zertifikate verfolgt und dabei besonders Konzerne in den Blick genommen, die behaupten „klimaneutral“ zu sein. Dazu zählen etwa Disney, Netflix, Shell, Boeing, Bayer, SAP und viele andere Unternehmen, die Zertifikate aus Waldschutzprojekten erworben haben, die zu keiner Einsparung von CO2 führen. In Gesprächen zwischen den zwei Medienhäusern und mehrere am Handel mit den Zertifikaten beteiligte Akteure werden Probleme ersichtlich. Es geht dabei um die Rolle und Standards des weltweit führenden Zertifizierers auf dem Markt, Verra. Die Auswertung legt nahe, dass über 90 Prozent der Zertifikate aus den untersuchten Projekten kein CO2 einsparen. Es handelt sich demnach um einen Umfang von 89 Millionen Tonnen CO2.



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Heinz Duthel

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