Hochsensibilität: Wenn der Filter im Kopf fehlt


Stand: 14.01.2023 11:08 Uhr

Menschen verarbeiten Reize und Erlebnisse höchst unterschiedlich. Viele beschreiben sich heute als hochsensibel. Was ist das eigentlich? Die Wissenschaft sucht noch immer nach Antworten.

Hochsensible Menschen sind sensibler gegenüber Reizen wie Geräuschen, Licht oder sozialen Reizen. Sie haben scheinbar offenere Filter als andere und nehmen kleinste Veränderungen oder Unterschiede in ihrer Umwelt direkt wahr, sind stärker emotional involviert und verarbeiten Reize tiefer als andere, indem sie zum Beispiel länger über Dinge nachdenken.

Häufig reizüberflutet

Hochsensible Menschen sind als Folge auch schneller reizüberflutet, gestresst, überstimuliert und erschöpft von den Eindrücken und brauchen viel mehr Rückzugsmöglichkeiten. „Für manche heißt das, dass sie nach einem Besuch im Supermarkt erstmal eine Pause brauchen“, sagt die Psychologin Corina Greven von der Radboud Universität im SWR, die zu diesem noch jungen Forschungsfeld forscht. Auch eine sogenannte Verhaltenshemmung – die Neigung, sich zurückzuziehen und unbekannte Situationen zu meiden – wird Hochsensiblen zugeschrieben.

Aber Hochsensibilität wird wissenschaftlich weder als Krankheit noch als Störung definiert, sondern als eine Persönlichkeitseigenschaft wie beispielsweise Introversion, erklärt Greven.

Die US-Psychologen Elaine N. Aron und Arthur Aron beschrieben 1997 erstmals so eine „highly sensitive person“ und begründeten damals das Konzept der Hochsensibilität. Elaine Aron ging auch davon aus, dass Hochsensibilität vererbbar ist. 

Wie misst man Hochsensibilität?

Ob jemand hochsensibel ist oder nicht, wird immer noch hauptsächlich mit einem Fragebogen und somit per Selbstzuschreibung festgestellt. Elaine Aron stellte 1997 den ersten Test dieser Art vor und legte damit den Grundstein für die Erforschung der Hochsensibilität: die „Highly Sensitive Person Scale“ (HSPS). Als Richtwert gibt Aron an: Wer bei dem Test mehr als 14 der Aussagen zustimmt, ist wahrscheinlich hochsensibel.

Das sorgt bis heute in der Wissenschaft für Kritik. Weil auch Menschen beispielsweise mit Angststörungen bei einem solchen Test eine hohe Punktzahl erreichen, erklärt Psychologin Pia Kabitzsch.

Wie viele sind betroffen?

2018 wurde in einer Studie diese HSPS-Skala an sehr vielen Menschen getestet. Demnach sind etwa 30 Prozent niedrig sensibel, 40 Prozent mittelsensibel und etwa 30 Prozent hochsensibel.

Viele Expertinnen und Experten gehen aber davon aus, dass es gar keine scharfe Trennlinie zwischen normaler Sensibilität und Hochsensibilität gibt: Psychologin Greven zufolge bewege sich jeder von uns irgendwo auf dem Sensibilitätsspektrum. Die meisten befinden sich dabei in der Mitte, manche sind besonders sensibel und andere kaum. Hochsensible Menschen sind dann am oberen Ende dieser Skala anzusiedeln. Auch gibt es Zusammenhänge zwischen ADHS, ADS und Hochsensiblen bei der Sensibilität für Reizüberflutungen, erklärt Greven. Vieles sei aber noch kaum erforscht.

Kein eigenständiges Konzept?

Dass es individuelle Unterschiede in der Resonanz auf Umweltreize gibt, ist in der Wissenschaft ziemlich unumstritten. Ob Hochsensibilität das beste Konzept ist, um das zu beschreiben, wird allerdings kontrovers diskutiert.

Der Berliner Psychologe Jens Asendorpf vertritt zum Beispiel die Meinung, dass sich hochsensible Charaktere bereits hinreichend mit den Big Five erfassen lassen, ein Ansatz zur Beschreibung der menschlichen Persönlichkeit. Diese fünf Faktoren sind das Resultat jahrzehntelanger Persönlichkeitsforschung und gelten als die empirisch mit am besten nachgewiesenen Persönlichkeitsmerkmale.

Einer der fünf Faktoren ist der Neurozitismus – also die Neigung zu emotionaler Labilität, Ängstlichkeit und Traurigkeit. Hochsensibilität damit allerdings gleichzusetzen, sieht Greven als überholt: „Das konnten wir wissenschaftlich mittlerweile recht gut widerlegen, dass das nicht ausreicht. Denn statistisch gesehen korreliert das nur mittelstark, es ist also nicht das gleiche.“

Forschungslage noch dünn

Ob sich objektive Anzeichen für Hochsensibilität ermitteln lassen, ist nach wie vor noch unklar. Die Forschungslage ist dünn, wenn es darum geht, zu verstehen, warum manche Menschen so viel sensibler auf Reize reagieren als andere. Eine Vielzahl der Studien stammt auch noch immer von der Erfinderin des Begriffs Hochsensibilität selbst: Elaine Aron.

An der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg wollen Forschende das ändern und führen derzeit eine Studie durch, in der die Tiefenverarbeitung von Hochsensiblen mithilfe des sogenannten Stroop-Paradigmas untersucht werden soll.  

Die Aufgabe der Versuchspersonen ist es bei diesem Test, die Farbe, in der die Worte geschrieben sind, zu benennen, aber nicht die Worte selbst zu lesen. Die Forscher nehmen an, dass Hochsensible eine längere Reaktionszeit haben als weniger sensible, sobald die „inkongruente Bedingung“ bei diesem Test eintritt: das heißt, sobald das Wort nicht die Wortbedeutung hat. Also zum Beispiel „rot“ in grüner Farbe geschrieben wird. Außerdem untersuchen die Forscher anhand der Herzratenvariabilität ob hochsensible Personen tatsächlich zum Beispiel schneller bei Leistungsanforderungen gereizt werden und sich letztlich auch langsamer wieder beruhigen.

Hochsensibilität als Chance

Auch wenn Hochsensibilität noch ein junges und nicht ausreichend erforschtes Feld ist, kann es Menschen, die stärker auf Reize reagieren und entsprechend schneller reizüberflutet sind, helfen, sich besser zu verstehen. Und auch ihr Umfeld kann dann entsprechend gestaltet werden.

Hochsensible seien auch eine Bereicherung für die Arbeitswelt, denn sie seien sehr empathisch, innovativ und könnten sich gut in andere hineinversetzen, wenn die Arbeitsbedingungen stimmen, erklärt Greven.



Heinz Duthel

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