Neue EU-Regelung in Kraft: Wie nachhaltig sind Grillen als Lebensmittel?




FAQ

Stand: 24.01.2023 11:24 Uhr

Gefroren, getrocknet oder als Pulver: Grillen dürfen in der EU von heute an als Lebensmittel genutzt werden. Welche Vorteile bringt das? Und wie müssen die Produkte gekennzeichnet sein? Antworten auf wichtige Fragen.

Was genau ist nun erlaubt?

Jedes neuartige Lebensmittel muss von der EU zugelassen werden. Per Durchführungsverordnung darf allein das vietnamesische Unternehmen Cricket One von Dienstag an ein teilweise entfettetes Pulver aus der Hausgrille (Acheta domesticus) in der EU vertreiben. Das auch als Heimchen bekannte Tier war zuvor nach der Analyse wissenschaftlicher Studien in die Liste der neuartigen Lebensmittel aufgenommen worden.

Von Donnerstag an dürfen dann auch Larven des Getreideschimmelkäfers (Alphitobius diaperinus) verarbeitet werden. Ähnliche Regeln gibt es schon länger für Wanderheuschrecken und Larven des Mehlkäfers (Tenebrio molitor, gelber Mehlwurm).

In welchen Lebensmitteln kann die Hausgrille vorkommen?

In allen möglichen. Ihr Pulver darf nun unter anderem in Brot und Brötchen, Keksen und Crackern, Backmischungen und Teigwaren, Soßen und Suppen, Fleisch- und Milchersatz, Kartoffelerzeugnissen oder Schokolade vorkommen. Die Produkte dürfen dann nicht als vegan oder vegetarisch ausgezeichnet werden.

Allerdings muss sich erst noch zeigen, ob und wie schnell sich solche Produkte durchsetzen. Bisher sei das Angebot an Lebensmitteln mit Insekten ein „wirklich ein ganz, ganz kleiner Nischenmarkt“, erklärt Lebensmittelchemiker Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Hierzulande sind aktuell nur wenige Produkte mit geringen Mengen an Insekten erhältlich – etwa Riegel oder Nudeln. Dass Insektenpulver in Kekse oder Mehl gemischt werde, liege „wirklich noch in weiter Ferne“, so Valet.

Kann es passieren, dass man Insekten isst, ohne es zu wissen?

Nein, denn Insekten müssen auf den Produkten gekennzeichnet sein. „Uns ist nicht bekannt, dass es irgendwie untergemischt wird“, sagt der Verbraucherschützer. Die EU-Kommission stellt klar: „Jede und jeder kann selbst entscheiden, ob er oder sie Lebensmittel aus oder mit Insekten kauft oder nicht.“ Der Verordnung zufolge muss etwa in der Zutatenliste stehen: „Acheta domesticus (Hausgrille, Heimchen), gefroren“ oder „Pulver aus Larven von Alphitobius diaperinus (Getreideschimmelkäfer)“.

Valet fordert hingegen eine deutliche Kennzeichnung auf der Verpackung: „Und zwar gut verständlich für alle. Also zum Beispiel ‚Kekse mit Insekten‘ oder ‚Nudeln mit Insekten‘.“

Insekten sind gesund und klimafreundlich, sagen Experten.

Bild: picture alliance / NurPhoto

Was ist für Allergiker zu beachten?

Wie bei vielen anderen Lebensmitteln könnte auch Insektenpulver in seltenen Fällen Reaktionen auslösen – etwa bei den Menschen, die gegen Krebstiere, Weichtiere und Hausstaubmilben allergisch sind. Entsprechende Angaben müssen in unmittelbarer Nähe der Zutatenliste verzeichnet sein.

Konkret kann etwa das Chitin im Außenskelett von Insekten allergische Reaktionen auslösen. Der kaum verdauliche Ballaststoff kommt auch in Schalentieren und Pilzen vor. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit kommt nach Auswertung diverser Studien zu dem Schluss: Hausgrillen-Pulver in den vorgeschlagenen Mengen ist sicher.

Wie nahrhaft sind Insekten?

Weltweit werden mehr als 1900 Arten verzehrt. In verschiedenen Studien hat die Welternährungsorganisation (FAO) festgestellt, dass sie eine sehr nahrhafte und gesunde Nahrungsquelle mit einem hohen Gehalt an Eiweiß, Vitaminen, ungesättigten Fettsäuren, Ballaststoffen und Mineralien sind. Dem Verbraucherzentrale Bundesverband zufolge ist ihr Proteingehalt ähnlich hoch wie bei Fleisch von Rind, Schwein oder Pute, variiert aber je nach Art des Insekts.

Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit aus?

Der Umweltorganisation WWF zufolge ist die Ökobilanz deutlich besser als die von Rind, Schwein und Huhn. „Im Vergleich zu Fleisch wird bei der Erzeugung von Insekten wesentlich weniger landwirtschaftliche Fläche benötigt“, heißt es vom WWF. Im Vergleich zum Huhn seien es etwa um 50 Prozent weniger. Nach FAO-Angaben benötigen Grillen nur etwa ein Zwölftel des Futters verglichen mit Rindern, um die gleiche Menge an Eiweiß zu produzieren. Bei der Insektenzucht werden auch weniger Treibhausgase freigesetzt. Die deutschen Verbraucherzentralen rechnen zudem vor, dass der essbare Anteil an Insekten mit 80 Prozent deutlich höher liegt als zum Beispiel beim Rind (40 Prozent).

Kommen Insekten aus der Natur auf den Teller?

Nein. Niemand muss befürchten, dass wild gesammelte Tierchen in den Produkten landen. Speiseinsekten, die im deutschen Lebensmittelhandel angeboten werden, stammen nach Angaben der Verbraucherzentralen ausschließlich aus kontrollierter Aufzucht. „Es existieren bisher keine Haltungsvorschriften für Insekten in Deutschland“, schreiben die Verbraucherschützer. Klärungsbedarf gebe es etwa bei Platz, Einsatz von Arzneimitteln oder einer möglichst schonenden Tötung.

Quelle: dpa

Kommentar: Grillen statt grillen – warum gegen Insekten als Nahrung gut sind

Holger Beckmann, WDR Brüssel, 24.1.2023 · 11:42 Uhr



Heinz Duthel

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