Trotz Zinswende der EZB: Warum gibt es kein Geld fürs Sparen?


Stand: 16.01.2023 06:41 Uhr

Obwohl die EZB Banken inzwischen wieder zwei Prozent Einlagenzins zahlt, geben bislang nur die wenigsten Geldhäuser dies an ihre Kunden weiter. Woran liegt das?

Wer die Zinsliste für Tagesgeldkonten ansieht, trifft auf Onlinebanken, Finanzboutiquen und Anlagekioske. Große Geschäftsbanken? Sparkassen? Volksbanken? Weit gefehlt. „Es wird noch ein Weilchen dauern, bevor die Zinsen auf unseren Tagesgeldkonten steigen“, sagt ein Branchenvertreter. Mit Namen und Verbandsangabe will er sich nicht zitieren lassen. Das Thema „Zinsen auf Tagesgeldkonten“ gilt unter Deutschlands Banken-Establishment als heikel.

Ingo Nathusius

Kaum eine Bank zahlt zwei Prozent

Zuletzt hatte die Europäische Zentralbank (EZB) im Dezember den Einlagenzins auf zwei Prozent erhöht. Das ist der Zins, den die EZB Banken gutschreibt, wenn sie Geld bei ihr anlegen. Während der vergangenen Jahrzehnte folgten die Zinsen, die Banken ihrerseits Kunden für Tagesgeld zahlten, stets dem EZB- Zins. Zwischen 2009 und 2018 waren die Tagesgeldzinsen der relevanten deutschen Banken im Durchschnitt sogar etwas höher als der EZB-Zins.

Aktuell zahlt die Direktbank Consorsbank am meisten: 2,1 Prozent. Consors gehört zum Konzern der französischen Großbank BNP Paribas. Das deutsche Finanz-Start-up Trade Republic bietet zwei Prozent. Die erste Sparkasse ist auf Platz elf: Es ist die Onlinetochter der Frankfurter Sparkasse, 1822 Direkt. Ihr Angebot von 1,55 Prozent gilt nur für Neukunden und nur für ein halbes Jahr, danach gibt es die 0,3 Prozent, mit denen sich auch treue alte Kunden zufriedengeben müssen. Unter den Anbietern, die ein Prozent und mehr bieten, findet sich keine Genossenschaftsbank. Die Deutsche Bank zahlt 0,25 Prozent, die Commerzbank null Prozent.

„Dann ging es hopplahopp“

Fast drei Jahre lang verlangte die EZB für Bankeinlagen eine Strafgebühr von 0,5 Prozent. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres drehte sie in vier Schritten den Einlagenzins auf plus zwei Prozent. „Die EZB hat lange gewartet“, sagt der Branchensprecher. „Und dann ging es hopplahopp. Jetzt gibt es bei Kunden Erwartungen nach steigenden Zinsen, die wir nicht erfüllen können“. 

In der Branche wird darauf verwiesen, dass das Geschäftsmodell von Banken gerade nicht sei, Kundengeld verzinst einzusammeln und zu geringfügig höherem Zins bei der EZB zu parken. Vielmehr sammeln Banken Kundengeld ein und geben es als Kredite an andere Kunden. Da die vergangenen Jahre von extrem niedrigen Zinsen geprägt waren, verdienen Banken mit ihrem Kreditgeschäft nur wenig Geld. Zu wenig, klagt der Verbandssprecher, um höhere Einlagenzinsen zahlen zu können.

Anderes Geschäftsmodell, höhere Zinsen

Die Liste der ordentlich verzinsten Tagesgeldkonten wird bestimmt von Instituten, deren Geschäftsmodell anders ist als das konventioneller Banken. Entweder bauen sie gerade erst Kreditgeschäft auf oder sie planen starkes Wachstum – deshalb rechnen sie damit, teuer eingekauftes Kundengeld noch teurer weiterreichen zu können. Oder es sind Banken, die Industrieunternehmen finanzieren. Sämtlichen Instituten, die hohe Tagesgeldzinsen zahlen, ist gemein, dass sie geringe Kosten haben und daher mehr springen lassen können. Direktbanken haben keine Filialen und kein aufwändiges Beratungsgeschäft mit Kleinkunden.

Die oft kleinen Onlinebanken treiben etablierte Banken vor sich her. „Es tut sich viel im Tagesgeldbereich“, sagt Max Herbst, Eigentümer der FMH-Finanzberatung in Frankfurt am Main. Sein Unternehmen stellt seit fast vierzig Jahren Zinsvergleiche zusammen. Herbst sagt, höhere Zinsen für kurzfristige Geldanlagen seien für Banken durchaus machbar.

Höhere Zinsen nur eine Frage der Zeit?

„Generell gehen wir davon aus, dass mit steigenden Leitzinsen der EZB auch die Guthabenzinsen steigen“, sagt Sylvie Ernoult vom Bundesverband deutscher Banken. „Das haben wir in den vergangenen Monaten bereits gesehen“.

Steffen Steudel vom Verband der Volks- und Raiffeisenbanken bekräftigt das mit Verweis auf amtliche Statistiken der Bundesbank. Die zeigen, dass vor Jahresfrist noch 0,02 Prozent Strafgebühr für Tagesgeld verlangt wurde, während es im November 0,02 Prozent Zins gab. „Aktuell sind wir noch ganz weit weg vom EZB-Zins“, sagt Berater Herbst.



Heinz Duthel

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