Vollbremsung und abbiegen: Microsoft setzt auf KI statt das Metaverse


Zehn Milliarden für OpenAI stehen Zehntausend entlassenen Mitarbeitern gegenüber. Microsoft spart und investiert zugleich. CEO Satya Nadella spricht von einer Umstrukturierung und deren Ausrichtung wird gerade deutlich: Weg von der Mixed Reality, wie sie bei Microsoft heißt, hin zur Künstlichen Intelligenz. Auch Google biegt an dieser Kreuzung mit ab. Apple kauft schon lange kräftig KI-Start-Ups. Nur Meta-Chef Mark Zuckerberg redet nach wie vor am lautesten von der Zukunft des Metaverse.

Stellenabbau betreiben derzeit nahezu alle Tech-Unternehmen. Das liegt zum einen am vorherigen Boom, bei dem man sich gegenseitig die Entwickler und Mitarbeiter wegschnappen musste. Ebenso an einer Fehleinschätzung der Auswirkungen der Corona-Krise, auf die kein ewiges Digitalwachstum, sondern das Gespenst der Rezession folgte. Und nun natürlich auch an einer neu eingeschätzten Situation, die zu einer Umorientierung führt: OpenAI hat mit der Veröffentlichung des Chatbots ChatGPT anscheinend eine derbe Kerbe in die Strategieabteilungen geschlagen.

Besonders auffällig ist das beim aktuellen Vorgehen von Microsoft. 2017 hatte man die VR-Plattform AltSpaceVR übernommen, das Team und die weitere Entwicklung sollte auch Microsoft Mesh dienen, der hauseigenen Mixed-Reality-Plattform. Microsoft hat von Beginn an versucht, eine Verbindung von Virtual-Reality und Augmented-Reality herzustellen, weshalb immer von Mixed-Reality die Rede ist. Nun wird AltspaceVR geschlossen, die Mitarbeiter müssen gehen.

Ebenfalls soll das gesamte Team des sogenannten „Mixed Reality Tool Kit“ (MRTK) Frameworks gehen müssen. Dabei handelt es sich um ein Open-Source-Projekt, das eine plattformübergreifende Entwicklung vorantreiben sollte. MRTK unterstützt Microsofts Hololens, im experimentellen Stadium zumindest aber auch Metas Quest, die Oculus Rift und SteamVR.

Da wären wir bei der Hololens. Microsofts AR-Brille, die beim US-Militär bereits gestest wurde – und eher durchfiel. Gerüchte, dass die Entwicklung eingestellt wird und die Brille dem Tode geweiht ist, dementiert Microsoft noch: „Hololens geht es großartig“, schreibt da etwa der Leiter der Mixed-Reality-Abteilung, Alex Kipman. Beobachtungen, was da im Gange sei, gab es bereits auf der Meta Messe Connect: Dort verkündete Microsoft, dass sie Teams und weitere Anwendungen für das Metaverse bereitstellen, Mark Zuckerbergs Metaverse. Der wiederum präsentierte dort stolz die Oculus Quest Pro. Hololens? Mesh? Kein Wort.




Eva-Maria Weiß hat an der Universität Wien Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienpsychologie studiert und arbeitet seither als Journalistin.

Microsoft gehört nach Elon Musk zu den frühen Investoren in OpenAI. Dafür sichert sich das Unternehmen spezielle Lizenzen und Rechte an den Anwendungen, die eigentlich Open Source sind. Nun, da die Mixed-Reality-Mitarbeiter (und sicherlich auch einige andere) ihre Kündigungen erhalten haben, kündigt Microsoft ein mehrjähriges „Multi-Milliarden-Dollar“-Investment an. Von 10 Milliarden US-Dollar berichten Wirtschaftsnachrichten.

ChatGPT, der aktuell vielbesprochene Chatbot von OpenAI, soll in die Suchemaschine Bing einziehen. Bei der CES ließ Microsofts Panos Panay verlauten, KI werden in alles einziehen – und damit Computer verändern, wie es einst die Maus tat.

Google scheint der Coup hart getroffen zu haben. CEO Sundar Pichai hielt es für angebracht, zum Strategiewechsel die Gründer, Larry Page und Sergey Brin als Berater zurückzuholen. „Roter Alarm“ sei intern ausgegeben worden. In mehreren Blogbeiträgen heißt es, 20 neue KI-Produkte würden demnächst veröffentlicht. Weitere Blogbeiträge befassen sich mit dem, wo und wie Google bereits KI einsetzt. Das wirkt ein bisschen wie ein Panikmodus. Tatsächlich ist es jedoch viel. Sehr viel, was Google da im Petto hat.

Apple hat in den vergangenen fünf Jahren mehr kleine und mittelgroße Unternehmen aus dem KI-Bereich übernommen als alle anderen IT-Größen. Laut dieses Rankings folgt Google auf dem zweiten Platz. Es hakt halt an der Umsetzung beziehungsweise Verfügbarkeit.

Noch unauffälliger in Sachen KI und dessen Einsatz ist nur Meta. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass der Chatbot „BlenderBot 3“ bisher wenig erfolgsversprechend war. Ein letztes Info-Update gab es vor mehr als eineinhalb Jahren.

Umso lauter spricht Zuckerberg vom Metaverse. Immer und immer wieder. Vorletztes Jahr schuf Meta sogar 10.000 neue Stellen für die Entwicklung des Metaverse. Ende vergangenes Jahres hieß es dann: Stellenabbau. Anders als bei Microsoft betraf der nicht die Kollegen, die am Metaverse arbeiten. Zuckerberg sprach sogar davon, diesen Bereich weiter ausbauen zu wollen.

Die Strategien unterscheiden sich. Einige Microsoft-Manager haben Medienberichten zufolge bei einem privaten Sting-Konzern gefeiert. Geschmackstechnisch ist das sicher nicht der Beweis, immer aufs richtige Pferd zu setzen.


(emw)

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Heinz Duthel

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