Vorwürfe gegen Schlachthöfe: Illegales Schächten dokumentiert




Exklusiv

Stand: 24.01.2023 15:00 Uhr

Nach Recherchen von Report Mainz wurden Tiere in NRW und in Baden-Württemberg ohne Betäubung und ohne Genehmigung geschlachtet. Das geht aus Aufnahmen von Tierschützern hervor. Die Schlachthöfe wurden daraufhin vorübergehend geschlossen.

Der Schlachthof in Nordrhein-Westfalen befindet sich westlich von Köln. Das Gelände ist abgezäunt, dahinter warten Rinder auf die Schlachtung. Doch dazu wird es in diesem Betrieb wohl nicht mehr kommen. Denn zuständige Amtsveterinäre haben vor wenigen Tagen den Betrieb versiegelt und damit den Schlachthof erst einmal dicht gemacht.

Der Grund sind Bilder, die Report Mainz zugespielt wurden und die das Politikmagazin dem zuständigen Veterinäramt gezeigt hat. Sie belegen, dass Mitarbeiter des Betriebs Schafe mit roher Gewalt an den Hinterbeinen packen und in den Schlachtraum ziehen. Dort schneiden sie ihnen ohne Betäubung die Kehle durch. Schächten nennt man diese Form der Schlachtung und die ist in Deutschland nur in Ausnahmefällen erlaubt. In NRW hat kein Schlachtbetrieb eine solche Zulassung für betäubungsloses Schächten durch eine Veterinärbehörde.

Rechtslage ist eindeutig

Jan Peifer vom Deutschen Tierschutzbüro, der Report Mainz die Aufnahmen hat zukommen lassen, ist selbst überrascht über das Ergebnis der Undercover-Recherche. Kameras hatten in dem Schlachthof nur zwei Wochen lang das Geschehen aufgezeichnet und beinahe an jedem Arbeitstag, hätten Szenen des illegalen Schächtens aufgezeichnet werden können.

In einem Schlachthof in NRW wurden Tiere illegal geschächtet.

Bild: Deutsches Tierschutzbüro

Der Betreiber lässt durch einen Sprecher mitteilen, er habe von den Vorgängen nichts gewusst. Der Chef könne auch nicht immer vor Ort sein.

Das zuständige Landratsamt im Rhein-Erft-Kreis reagiert nach Kenntnisnahme der Aufnahmen sofort. Die Behörde teilte Report Mainz mit: „Nach erster Sichtung des Videomaterials wurde entschieden, weitere Schlachtungen im Betrieb sofort zu untersagen, um weiteres Leiden von Tieren zu unterbinden. Dazu wurde der Betrieb stillgelegt. Gegen die Mitarbeiter und den Inhaber ist Strafanzeige erstattet worden.“

Vor allem Juden und Muslime essen Fleisch von geschächteten Tieren aus religiösen Gründen. Das Gros des Fleischs wird derzeit legal aus Nachbarländern importiert. Unter welchen Voraussetzungen Schlachtbetriebe hierzulande rechtskonform schächten dürfen, das hat zuletzt der Europäische Gerichtshof klargestellt. In der Konsequenz darf in Deutschland nur Tiere schächten, wer dafür eine Ausnahmegenehmigung von der Veterinärbehörde besitzt. Dennoch setzen sich Schlachter immer wieder darüber hinweg, wie auch in einem zweiten aktuellen Fall in Baden-Württemberg.

Rechtsverstöße auch in Baden-Württemberg

Im Landkreis Ludwigsburg ist es PETA-Tierrechtsaktivisten über den Jahreswechsel gelungen, ähnliche Szenen wie in Nordrhein-Westfalen zu dokumentieren. Die ebenfalls undercover gedrehten Szenen zeigen Personen in Straßenkleidung, die gemeinsam mit einem Schlachter den Schlachtraum betreten. Ein kleiner Junge ist dabei. Die Männer haben ein Messer mitgebracht, der Schlachter hält das Schaf fest und erlaubt dem Besucher dem Tier den Hals durchzusägen.

Scarlett Treml von PETA entsetzt vor allem, dass der Schlachter noch während des Entblutevorgangs damit beginnt, das Schaf zu häuten und aufzuschneiden. Währenddessen zeigt das Tier starke Abwehrbewegungen und strampelt sehr lange.

Das zuständige Veterinäramt im Landkreis Ludwigsburg sieht hier den Anfangsverdacht für eine Straftat gegeben und hat dem Betrieb mit sofortiger Wirkung die Schlachtung bis auf weiteres untersagt. Der Fall sei der Staatsanwaltschaft vorgelegt worden zur weiteren Ermittlung, teilt die Behörde mit. Hinzu kommt, dass nach Recherchen von Report Mainz im vergangenen Jahr auch in Baden-Württemberg keine Ausnahmegenehmigungen für ein betäubungsloses Schächten erteilt wurde.

Der Eigentümer des Schlachtbetriebs erklärt in einem Gespräch mit dem ARD-Politikmagazin, er sei an dem Tag nicht im Betrieb gewesen. Ein Mitarbeiter habe diese Schlachtungen rechtswidrig ohne sein Wissen durchgeführt. Später lässt er erklären, dass geprüft werde, wie man solche Fälle verhindern könne.

Nur in Hessen gibt es eine Ausnahmegenehmigung

Report Mainz hat bundesweit bei allen zuständigen Ministerien der Länder nachgefragt, ob für 2022 oder das laufende Jahr Ausnahmegenehmigungen zum Schächten erteilt worden seien. Ergebnis: Lediglich Hessen hat einem Betrieb gestattet, pro Jahr 100 Schafe zu schächten.

Die Recherchen werfen weitere Fragen auf. Warum konnten die für die Kontrolle der Schlachtbetriebe zuständigen Veterinärbehörden diese Fälle nicht aufdecken?

Report Mainz diskutierte diese Frage mit einem Amtsveterinär aus Reutlingen, Thomas Buckenmaier. Er führt aus, dass Amtsveterinäre hier überfordert seien. Denn bei Kontrollen würde ja nicht geschächtet. Solche Ermittlungen ließen sich nur undercover mit versteckten Kameras durchführen. Tierschutzaktivisten setzen jetzt darauf, dass die festgestellten Tierquälereien durch betäubungsloses Schächten hart geahndet werden.

Mehr zu diesem und weiteren Themen sehen Sie um 21:50 Uhr bei Report Mainz im Ersten.



Heinz Duthel

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